Vor- und Nachteile von Scheibenbremsen am Rennrad

Vor- und Nachteile von Scheibenbremsen am Rennrad

Vor- und Nachteile von Scheibenbremsen am Rennrad

Als Rennradfahrer der seit 2013 das mit Scheibenbremsen ausgerüsteten Volagi Liscio Rennrad fährt und seit 1987 Kilometer und Erfahrung mit diversen Rennrädern gesammelt hat, kann ich mir eine qualifizierte Zusammenfassung erlauben.

Zunächst ein paar Fakten zum Thema Scheibenbremse:

Wie bei Felgenbremsen auch gibt es Unterschiede zwischen verschiedenen Scheibenbremsen. Einerseits gibt es Qualitätsunterschiede und dann auch noch verschiedene Funktionsweisen.

Bei den Funktionsprinzipien gibt es einerseits die mechanisch (über Bremszug) angesteuerten, dann die teilhydraulischen (TRP Hy/Rd, TRP ParaBox) und die vollhydraulischen Systeme (Shimano, SRAM).
Bei den mechanischen Systemen gibt es wiederum solche die gut funktionieren (Avid BB7, TRP Spyre) und berüchtigte (Shimano CX77). Die teil- und vollhydraulischen Systeme funktionieren bei korrekter Montage einwandfrei.
Außerdem gibt es noch diverse Scheibendurchmesser (üblich 140 und 160 mm) sowie diverse Scheibenaufbauten, -formen.

Die mechanischen Systeme müssen penibel montiert und eingestellt werden. Bei Belagverschleiß müssen jeweils beide Beläge von Hand nachgestellt werden. Die Betätigungskräfte sind etwas auf dem Niveau einer Felgenbremse.
Teilhydraulische Systeme verwenden entweder einen Konverter unter dem Vorbau (ParaBox) oder an der Bremse (Hy/Rd) und bieten eine automatische Belagnachstellung. D.h. der Belagverschleiß wird über die Hydraulik automatisch kompensiert. Die Betätigungskräfte sind geringer als bei einer Felgenbremse und die Bremse läßt sich feinfühlig dosieren.
Bei vollhydraulischen Systemen befindet sich der Geberzylinder direkt im Brems-, Schalthebel. Auch hier wird der Belagverschleiß automatisch kompensiert. Das führt zu sehr geringen Betätigungskräfte und sehr feinfühlige Dosierbarkeit. 
Bei der Auswahl der Bremsscheiben muß der Einsatzzweck und ie Physeik berücksichtigt werden. Insbesondere ist sicherzustellen, daß diese genug der beim Bremsen entstehenden Wärme aufnehmen können. 140 mm Scheiben sollten daher höchstens hinten oder im Flachland gefahren werden. Die als Stahl-Alu-Stahl aufgebauten IceTech Scheiben von Shimano haben eine Besonderheit: Wenn der Metallverbund zu warm wird, wird die Alu-Mittellage pastös und die Bremse versagt. Daher würde ich diese für Paßfahren nicht einsetzten.
 

Was spricht nun gegen die Scheibenbremse am Rennrad?

- Die gewohnte, klassische Optik des Rennrades wird verändert.
- Ein gewisses Mehrgewicht (i.d.R. 200 bis 300g) läßt sich zur Zeit nicht vermeiden. Ursache dafür sind zusätzliche Bauteile (Bremsscheiben), die unumgängliche Verstärkung von Rahmen und Gabel sowie die höher liegende Untergrenze bei der Speichenanzahl.
- Die Montage und Wartung einer Scheibenbremse unterscheidet sich deutlich von den gewohnten Felgenbremsen und erfordert z.T. auch spezielles Werkzeug.
- Zur Zeit von der UCI nicht für den Einsatz in Radrennen freigegeben.
- Das Bremsgeräusch ist anders und, je nach Bremsbelag und Scheibe, kann bei Nässe ein mehr oder weniger lautes Quietschen auftreten.

Was spricht für die Scheibenbremse am Rennrad?

- Eindeutig und unbestritten die unter allen Witterungsbedingungen fast konstante Bremswirkung. Die Bremswirkung setzt auch bei Dauerregen sofort ein und liegt bei ca. 80% des Wertes bei Trockenheit.
- Der durch das Bremsen verursache Verschleiß erfolgt an einfach und günstig auszutauschenden Bauteilen (Bremsbeläge, Bremsscheibe). Die Felge benötigt keine Bremsflanke und wird auch nicht heruntergeschmirgelt.
- Die beim Bremsen entstehende Wärme landet nicht tragenden und thermisch hoch belastbaren Bauteilen. Daher kann, ohne jede Gefahr einer thermischen Überlastung und somit Zerstörung, eine Carbonfelge eingesetzt werden.
- Die benötigten Handkräfte sind bei teil- und vollhydraulischen Bremssystemen deutlich geringer.
- Die Dosierbarkeit der Bremse ist deutlich besser.

Die Gewichtung der einzelnen Punkte muß jeder für sich selbst festlegen und sicherlich wird sich diese auch zwischen einem Rad das nur bei Schönwetter gefahren und einem täglich im Einsatz befindlichen Rad unterscheiden.

Wie das Tour Magazin gezeigt hat, ist es möglich jedes Bremssystem thermisch zu überlasten. Dies gilt nicht nur am Fahrrad sondern, wie immer wieder Autofahrer bei Paßabfahrten zeigen, auch beim PKW. Wobei mir eine durch ein sich veränderndes Bremsgeräusch und nachlassende Bremskraft die Überlastung anzeigende Scheibenbremse deutlich sympatischer ist als eine plötzlich explodierende Carbonfelge.

Als Entscheidungshilfe kann ich nur eine ausgiebige Probefahrt empfehlen.